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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)
Viertes Gespräch. Daß der Sohn kein Geschöpf und Gebilde sei.

18.

A. Was sonst, als was wahr ist, zu sagen: „Unsere Feinde aber sind Thoren“? Denn ein Verstand, der von der Weisheit von oben, welche vom Vater der Lichter ausgegossen wird, nicht erleuchtet wird, ist grob und schwarz (finster) und dem Nebel der Unwissenheit zu entrinnen nicht im Stande. Und mir scheint, die so verhaßte Krankheit habe der göttliche David abgeschüttelt und so zu Gott empor gesungen: 1 „Erleuchte meine Augen, damit sie nie einschlafen zum Tode!“ Wohlan denn also, mit munterem und ernüchtertem Geiste, die Erkenntniß der vorliegenden Gegenstände erforschend und wie spürnasige und gute Hunde wollen wir der noch unerkannten und dem großen Haufen nicht erreichbaren Wahrheit nachspüren! Es erklärte sich nämlich zweifelsohne der Sohn für geschaffen, und nicht ohne Grund, sagt er, sei ihm Dieß widerfahren, vielmehr aber „zu seinen Werken“ und „als Anfang seiner Wege“, natürlich Gottes des Vaters. Es bedeutet also hier die Erschaffung keineswegs die Hervorbringung aus dem Nichts sein, sondern die Bestimmung des Seienden und Bestehenden zu diesen oder jenen Werken, wie gewiß auch den Weber oder Schmid zum Beispiel, wenn sie unthätig dastehen und bemerkt werden, der Wille Dessen, der sie zu Werken bestimmt, thätig werden macht zu Dem, wozu jeder von beiden geschickt ist, Niemand aber meinen wird, daß er sie auch zum Dasein bringe. Wenn also der Sohn ohne irgend einen Zusatz sagen würde: „Der Herr schuf mich,“ so wäre ihr Gerede nicht ganz unwahrscheinlich, sofern es auf’s Meinen ankommt. Da er aber nicht einfach und ohne Zusatz sagt, er sei geschaffen, sondern „zu Werken und zum Anfang der Wege“, was lassen sie nicht das Unschickliche und wählen das Rechte, bedenkend, daß von Gott geschrie- [S. 275] ben steht: 2 „Der Herr wurde mir zur Zuflucht“? Würdest du also zugeben, Gott sei geworden, wenn es von ihm heißt, er sei Einem eine Zuflucht geworden?

B. Keineswegs.

A. Warum also, sag’ mir, haben sie einen zum Irrthum geneigten und ungezügelten Sinn und schlagen darauf los, indem sie mannigfacher Täuschungen wie einer Waffenrüstung sich bedienen, die Verkehrten, während sie doch gar sehr bestrebt sein sollten, auch Das, was nicht ganz Gottes würdig gesagt zu sein scheint, nach der Wahrheit zurecht zu legen, wegen des Menschlichen und der Ähnlichkeit des Sohnes mit uns? Übrigens auch (denn ich glaube auch Dieses sagen zu sollen), da er sagte, er sei geschaffen, setzte er hinzu, daß er auch gezeugt sei. Denn „vor allen Hügeln zeugt er mich,“ sagt er. 3 Entweder also werden wir, weil er sich geschaffen nennt, die Zeugung aufheben oder, das Geschaffensein bei Seite lassend, zugeben, er sei gezeugt. Denn die Ausdrücke führen das durch beide Bezeichnete gegen einander, aber der Sinn ist in beiden nicht unwahr. Also der Nämliche ist gezeugt aus dem Vater, als Gott, geschaffen aber wieder nach dem Fleische. Und hiezu beredet uns der heilige Ausspruch: 4 „Sieh’, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen Emmanuel nennen, das heißt verdollmetscht: Gott mit uns.“ Wie denn wäre das Wort, als Gott, mit uns? Etwa durch örtliche Nähe und Lage und nach dem Gesetz der Körper? Und wie wäre Das nicht ungereimt? Also da er die gleiche Gestalt mit uns und die Geringheit der Knechtschaft annahm und mit uns unter den Gewordenen weilte der Ungewordene, damals ist er „mit uns“ geworden, obwohl er um so viel höher und erhabener ist, als die Natur der Gottheit gedacht wird im Vergleich zum Geschöpfe [S. 276] und Werke. Darum rief auch der göttliche David den durch unermeßliche und unvergleichliche Vorzüge über uns erhabenen und in unaussprechlicher Herrlichkeit befindlichen, aus Gott entsprungenen Eingebornen zur Herablassung zu uns, da er sang und sprach: 5 „Warum, o Herr, stehst du ferne, übersiehst uns zur gelegenen Zeit in Trübsalen?“ Denn der durch ein Gesetz der Natur ferne steht und eine allen Anderen ungleiche und unzugängliche Eigenthümlichkeit und Erhabenheit besitzt, ist mit uns geworden, als er unsertwegen die freiwillige Erniedrigung auf sich nahm. Wenn sie aber sagen werden, es sei nicht so, dann hindert, wie ich glaube, durchaus Nichts mehr, ohne Scheu zu sagen, daß die heilige Schrift uns hierin Märchen erzählt hat, wenn sie sagt, der Sohn sei mit uns geworden, als er Mensch wurde. Denn wann war er nicht mit uns, wenn er geworden ist?

B. Du hast Recht.

A. Wenn es aber auch heißt, er sei Christus und Herr geworden, 6 so wirst du denken, daß er sich selbst erniedrigte, da er Knechtesrang annahm wegen der Ähnlichkeit mit uns. Und es war, glaube ich, weise und nothwendig, daß die göttliche Natur nicht durch unsere Armseligkeit und die Unansehnlichkeit des Fleisches sich überwinden ließ, da sie das unvertilgbare Mal der Knechtschaft und die angenommene Unansehnlichkeit an sich hatte, sondern die Geringheit der Knechtschaft der Herrlichkeit der Gottheit nachgab. Da er also unsertwegen sich unter die Knechte rechnete, aber wieder zu der ihm inwohnenden und unverlierbaren und durch Naturgesetze fest begründeten Herrscherwürde sich erhob, da wurde er, heißt es, zum Herrn ernannt und ist mit uns geworden wegen des Menschlichen. Wenn wir aber ohne Rücksicht auf die wahre Lehre dem Worte [S. 277] Alles zuschreiben würden, was des Fleisches ist, oder was wegen des Fleisches geschehen und gesagt ist, werden wir nicht wenig unehrerbietig sein. Denn es war dann „unter dem Gesetze,“ deßgleichen „sichtbar und greifbar“ und „etwas geringer als die Engel“ 7 und „wurde unter die Missethäter gerechnet“ 8 und „wurde wie ein Lamm zur Schlachtung geführt“ 9 und erduldete den so schmählichen Tod. Man muß es also der Natur des Wortes, auch ohne Fleisch gedacht, zuschreiben, daß es auch in diesen so höchst niedrigen und unrühmlichen Verhältnissen war. Und was folgt daraus? Es verliert dann der Geliebte und beim Vater Sitzende Alles, glaube ich, was ihn noch zur göttlichen Herrlichkeit erhebt, ja sogar auch, was ihn den heiligen Engeln gleich stellt. Warum also erfreut er sich des göttlichen Thrones und sitzt darauf mit dem Vater, diese aber stehen im Kreise herum, den Rang der Knechtschaft unter ihm nicht verschmähend, und (warum) ist und heißt er Herr Sabaoth, diese aber lobpreisen ihn als Herrn und sagen, „voll sei der Himmel und die Erde von seiner Herrlichkeit“? 10 Ist also die Behauptung, der auch von den in höchster Ehre Stehenden, so sehr Bewunderte sei geschaffen, nicht eine Krankheit des höchst armseligen und eitlen Sinnes?

B. Allerdings; denn Das ist meine Meinung. Gleichwohl aber sagen sie, zu den Werken des Vaters sei der Sohn hervorgebracht worden, nicht bloß als er unsere Gestalt annahm, sondern auch seit er entsprungen ist, damit er (der Vater) durch ihn Alles wirke, der die seinerseitige Thätigkeit wie eine werkzeugliche Dienstleistung an den Kreaturen beitrage.

1: Ps. 12, 4.
2: Ps. 98, 22.
3: Sprüchw. 8, 25.
4: Is. 7, 14.
5: Ps. 9, 22.
6: Apostelg. 2, 36.
7: Hebr. 2, 7.
8: Is. 53, 12; Luk. 22, 37.
9: Is. 53, 7; Apostelg. 8, 32.
10: Is. 6, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger