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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)
Viertes Gespräch. Daß der Sohn kein Geschöpf und Gebilde sei.

20.

A. Also den Sohn wollte er einzig und auf einzige Weise erschauen; erröthend aber gleichsam über die Sache läßt er sogleich ab und übergibt die Hervorbringung des einst Nichtseienden den Thätigkeiten eines Anderen. Und doch ist es für Gott das schönste und beste Loos der Ehre und des Ruhmes, schaffen zu können, da auch dadurch, wer und wie groß er ist, von uns erkannt wird. Denn „aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe wird schlußweise der Urheber derselben erkannt,“ wie geschrieben steht. 1 Wenn er aber Das, wodurch er erkannt wird, für klein und verwerflich erachten wird, so wird er selbst seiner eigenen Natur sich schämen, weil er weiß, natürlich, daß sie sich höchst unschön verhalte. Und doch ist es sehr rühmlich für jeden Menschen und jeden Engel, Das, wodurch er erkannt werden kann als Das, was er ist, vollkommen zu besitzen, und Keiner wird Dessen, was er erlangt hat, sich schämen, wenn er erkannt werden will, was er seiner Natur nach ist. Warum also sollte denn Gott sich Dessen schämen, was er hat, oder Das für eine Makel halten, wodurch er als Gott erkannt wird? Wenn es aber zu klein für ihn ist und nicht [S. 281] Rede werth, die Seraphim gemacht und die Engel geschaffen zu haben, wenn er die Größe und außerordentliche Erhabenheit seiner Natur ermißt, ist es dann nicht aus dieselbe Weise zu klein, von ihnen angebetet und gepriesen werden zu wollen? Denn deren Schöpfer er nicht sein will, wie sollte er als ihr Gott erkannt werden wollen? Warum verlangt er von uns Ehre und Anbetung, wenn er uns nicht einmal in’s Dasein zu setzen sich würdigt? Wie aber sollte er nicht selbst seine Ehre beschädigen, wenn er Das gering schätzte, wodurch er geehrt wird?

B. Wie denn also, sagen sie, erschuf der Vater Alles durch den Sohn?

A. Weil durch Wort und Weisheit und die ihm inwohnende Kraft; denn alles Dieses ist der Sohn dem Vater. Aber laß uns Dieses so durchnehmen, indem wir den königlichen Weg gehen und den geraden Pfad der Wahrheit. Wirst du denn nicht zustimmen, und zwar sehr bereitwillig, daß, wenn wir sagen, der Vater sei Schöpfer, wir folglich gewiß auch denken müssen, daß er nicht ohne Kraft noch ohne Weisheit noch auch ohne Wort (Vernunft) schafft?

B. Nothwendig. Darum sagt auch der Psalmist: 2 „Alles hast du in Weisheit gemacht.“ Die Entstehung des Alls aber deutlicher erklärend rief Jeremias und sprach: 3 „Der Herr, der in seiner Kraft die Erde gemacht, der in seiner Weisheit den Erdkreis hergestellt und in seiner Klugheit den Himmel ausgespannt hat.“

A. Wie aber, während Jeremias uns deutlich schreibt, durch Weisheit, Macht und Klugheit Gottes sei Alles geschaffen worden, sagt nicht der weise Johannes, durch den [S. 282] Sohn sei Alles geworden? Denn „Alles“, sagt er, „ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist Nichts geworden.“ 4

B. Ja. Was soll nun Dieses?

A. Daß als Weisheit und Kraft Gottes des Vaters der Sohn uns kund wurde. 5

B. Wie oder woher ist denn Dieses zweifelhaft?

A. Nun, wohlan, so sage, ob wir glauben, der Sohn sei in Weisheit, Verstand und Macht des Vaters in’s Sein gesetzt worden oder unweise, unverständig und unmächtig! Sie erklären ihn ja für geworden.

B. Das ist doch gewiß ganz unsinnig. Denn niemals war der Vater ohne Verstand und Macht.

A. Gut. Ich will dich ja loben, daß du die richtige und rechtschaffene Ansicht erwählt hast. Aber was werden hierauf Diejenigen sagen, welche den Sohn zu den gewordenen Wesen rechnen? Denn wenn er nicht immer war, sondern nach dem Gesetz der Schöpfung in der Zeit in’s Dasein gesetzt wurde, so werden sie, da er ja Weisheit, Macht und Verstand des Vaters ist, vor ihm den Vater als unmächtig, unkräftig, unweise und unverständig bekennen und zugeben, der Sohn sei ohne Weisheit und Kraft gemacht worden, obwohl er von reichem Wunder umflossen und nicht so beschaffen ist wie die Schöpfung, sondern in unvergleichlichen Vorzügen. Wenn sie nun aber, weil aller Verstand, glaube ich, sie auslacht, die Schmach der Lästerung abweisend meinen, auch er müsse in Weisheit und Macht des Vaters hervorgebracht sein, so müssen sie bekennen, daß er dann älter sein wird als er selbst und ausserdem sein eigener Schöpfer. Denn der Sohn hat sich selbst hervorgebracht, wenn er, der selbst die ganze Weisheit und Macht des Vaters ist, in seiner eigenen Macht und Weis- [S. 283] heit entstanden ist. Siehst du also, wie ihre Rede allewegs in Unsinn verläuft?

B. Man kann aber ohne viel Schweiß auch auf andere Weise ihre Lehre als völlig thöricht erweisen.

A. Wohlan denn, die Natur Gottes in Gedanken, so viel es angeht, ermessend laß uns untersuchen, mein Lieber, welche und wie groß sie sei und was ihr gezieme! Glauben wir, sie müsse schaffen, indem sie den Geschöpfen als Anstoß zur Existenz ihren Willen, daß sie seien, ertheilt und dem Nichtseienden nur winkt, daß es sein solle, und auf diese Weise die gesammte Schöpfung zu Stande bringe, oder vielmehr, indem sie eine werkzeugliche Hilfe hat und den Beistand des Mittlers (Mittels) als nothwendig dazu nimmt, wie man zum Beispiel auch sagt, einem Steinhauer stehe Das, wodurch er Steinhauer sein wird und Bildner Dessen, was er versteht, zu Diensten?

B. Und wer, sag’ mir, wird denn läugnen, daß es durchaus Gottes würdig ist, durch den bloßen Willen zu schaffen?

1: Weish. 13, 5.
2: Ps. 103, 24.
3: Jerem. 10, 12.
4: Joh. 1, 3.
5: I. Kor. 1, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger