Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII) Viertes Gespräch. Daß der Sohn kein Geschöpf und Gebilde sei.
3. A. Dann freilich, weil sie eine so niedrige und geringe Meinung vom Sohne haben, verwerfen sie auch das große und ausserordentliche Wunder der Liebe Gottes des Vaters und werden überführt als Solche, die auch selbst gegen die Würde der Gottheit ihr loses Maul schärfen. B. Sage doch wie; denn ich folge nicht. A. Sehr gern; denn da ist nichts Schwieriges. Gab der Vater seinen Sohn dahin für das Leben der Welt? B. Freilich. A. Daß aber das Erzeugte gewiß vorzüglicher ist, als was Einer durch Kunst macht, wird Jedem einleuchten, da ja jenes aus uns ist und eine Frucht der Person des Erzeugers, Dieses aber eine Erfindung trefflichen Rathes und ein Werk der Weisheit, kein Sprosse der Wesenheit. [S. 235] B. Was soll nun Dieß? A. Begreifst du nicht, daß man die Liebe Gottes des Vaters wohl weniger bewundern wird, wenn er zur Erlösung der ganzen Schöpfung den Sohn als einen Theil der Schöpfung gesandt hat, wenn er nämlich geworden ist, daß man aber, und ganz mit Recht, den Lösepreis für das Leben der Welt weit mehr anstaunen wird, wenn man weiß, daß er auch selbst den Sohn dahingegeben und der eigenen Frucht nicht geschont habe, da es ihm gefiel, daß der Fleischgewordene auch sterbe, und daß er vielmehr nach dem Wohle der Welt gedürstet habe? B. Ich verstehe. A. Ich aber glaube (und zürne mir Niemand, wenn ich aus Liebe zu Gott in der Rede zur Kühnheit entflammt werde), daß Christus nicht die ganze Schöpfung aufwiegen würde, und daß er nicht genügend wäre, das Leben der Welt zu erkaufen, wenn 1 er auch für sie gleichsam als Kaufpreis die eigene Seele einsetzte und für uns das kostbare Blut vergöße, wenn er nicht in Wahrheit der Sohn ist und als aus Gott Gott, sondern eine Schöpfung (ein Geschöpf) und Theil der Schöpfung. B. Du hast Recht. A. Ich möchte aber hinzufügen, daß die Schöpfung auch gerettet wurde, ohne überhaupt Etwas von Gott zu empfangen und der Hilfe von oben zu bedürfen. Wie und woher denn, 2 wenn sie nämlich durch sich und aus sich die Erlösung hat und das Beharren im Wohlsein? Es errettete nämlich, sagen sie, der Sohn als Theil der Schöpfung die ganze Schöpfung. Warum also schicken wir die [S. 236] Danksagungshymnen zu Gott empor? Warum aber unterlassen wir Dieses nicht als überflüssig und preisen das Geschöpf und treten vielmehr zu ihm hin, stehend und sagend von Gott, dem Herrn Aller: „Lobpreise, meine Seele, den Herrn und vergiß nicht alle seine Vergeltungen, der da verzeiht alle deine Ungerechtigkeiten, der da heilt alle deine Krankheiten, der da erlöst vom Verderben deine Seele“? Allein wenn wir Das thun, haben wir ohne Zweifel sowohl die gesunde Vernunft verloren, als auch werden wir Gott beleidigen; wenn wir aber vielmehr ihm die dießbezügliche Lobpreisung widmen, werden wir weise und wahre Anbeter sein. Wie also wird noch ein Geschöpf mit uns sein der Eine und Alle Aufwiegende, als Gott aus Gott und in Wahrheit Sohn? Ist es nicht so? B. Allerdings. A. Wohlan denn, wenn es beliebt, Diesem auch Dieß noch beifügend wollen wir sagen, daß die ein (Wechsel-) Verhältniß zu einander habenden Namen Dasselbe durch beide bezeichnen, da jeder von beiden die Erkenntniß des anderen erzeugt. Daher wird man leicht, wenn man das Rechte weiß, durch dieses gewiß das Linke erkennen; und daß es auch umgekehrt wahr ist, wird Jedermann zugeben. Ein solcher Verhältnißname nun ist „Vater“, deßgleichen aber auch „Sohn“. Wohin nun und auf was zielt die Beziehung und das Wechselverhältniß, das sie zu einander haben, ohne daß sie den ihnen zukommenden Begriff überschreiten? B. Und wem wäre Das nicht klar? „Vater“ nämlich denkt und sagt man in Beziehung auf den Sohn und ebenso „Sohn“ in Beziehung aus den Vater. A. Warum dann nennen die Verkehrten und Wahnwitzigen Gott uns Vater, behaupten aber, der Sohn sei ein Geschöpf? Ist es nicht ganz sinnlos und ungereimt, zu sagen, nach dem Beziehungsverhältniß gehöre mit dem [S. 237] Vater das Geschöpf und der Vater mit dem Geschöpfe zusammen? B. Gewiß, damit wir nicht auch den Vater selbst ein Geschöpf nennen, weil er ein natürliches Verhältniß habe zu einem der Geschöpfe, sofern es auf Folgerungen ankommt. A. Sie sollen also auch Christum selbst rufen hören: 3 „Ihr kennet weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kennen würdet, würdet ihr auch meinen Vater kennen.“ Wenn sie ihn aber um den Grund des Tadels fragen, wird er ihnen antworten und sagen: 4 „Wer den Vater läugnet, läugnet auch den Sohn, und wer den Sohn läugnet, hat auch den Vater nicht.“ Und ganz natürlich und wahr. Denn wenn er nicht Vater ist, weil er durch seine Natur gezeugt hat, dann wird man auch die Existenz des Sohnes nicht zugeben. Denn Sohn ist er, weil er gezeugt ist. Und wenn er nicht Sohn ist als gezeugt, dann wird auch der Vater nach der klaren und richtigen Denkfolge nicht Vater sein, weil er gezeugt hat. Daß also Beide zugleich durch einander bestehen und aufgehoben werden, ist wahr, und wenn Eines besteht, wird gewiß auch Das bestehen, wegen dessen es Das heißt und ist, was es ist. Wie aber? wenn Christus zu dem ungehorsamen und widerspenstigen Volke der Juden sagt: 5 „Ich bin gekommen im Namen meines Vaters, und ihr nehmt mich nicht an,“ — und Christus hat doch keineswegs sich selbst Vater genannt, — wie also sagt er übrigens, er sei zu uns gekommen im Namen des Vaters? Oder ist offenbar das „im Namen“ zu verstehen: zur Ehre und zum Preise des Vaters? Denn „Namen“ nennt die heilige Schrift bisweilen das weit verbreitete Lob und den glänzenden Ruhm, wie gewiß die Stelle in den Sprüchwörtern: 6 „Besser ist ein guter Name als großer [S. 238] Reichthum.“ Hat also das Wort des Heilandes verfehlt, weise und wahr zu sein, der deutlich sprach, er sei zu uns gekommen im Namen des Vaters?
1: Καὶ gibt hier kaum einen Sinn; man darf aber nur κἄν lesen, und alles paßt. 2: Nämlich: bedurfte sie der Hilfe. 3: Joh. 8, 19. 4: I. Joh. 2, 22. 5: Joh. 5, 43. 6: Sprüchw. 22, 1.
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