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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)
Viertes Gespräch. Daß der Sohn kein Geschöpf und Gebilde sei.

4.

B. In der That ist es richtig, zu sagen, daß die Wahrheit nicht abirren könne vom Wahren.

A. Wenn also die Rede wahr ist, so muß man entweder Gott den Vater zu den Geschöpfen herabsehen, damit er nicht den Sohn an Ehre zu übertreffen scheine, oder aber man muß den Sohn nun hinaufheben zur göttlichen Majestät und zu der als wesenhaft gedachten Sohnschaft. Denn er ist durchaus nicht, auf keine Weise, geringer als der Vater, wenn er so erscheint; und mit uns kämpfen wird der weise Johannes, welcher sagt: 1 „Der von oben kommt, ist über Allen.“ Daß aber das „von oben“ die obere und höchste Natur darstellt, wird der Jünger des Heilandes zeigen, da er sagt: 2 „Jede gute Gabe, jedes vollkommene Geschenk ist von oben, herabsteigend vom Vater der Lichter.“ Es kam also zu uns der Sohn vom Vater wie aus einer Quelle, und als aus der obersten Wurzel entsprungen zeigte er die Herrlichkeit, woraus er entsprang, an sich selbst, da er auch über Allen ist wie gewiß auch der Vater. „Über Allen“ aber nennen wir ihn hierin Hauptsächlich nicht bloß der Ehre nach, auch nicht weil er durch die Erhabenheit des Ruhmes die Schöpfung übertrifft, sondern weil er durch die Hoheit der Wesenheit über Allen steht und hervorragt, zugleich mit dem erzeugenden Vater. Wenn er aber über Allen ist, wie sollte er unter (mit) Allen gedacht werden? Denn wenn er ein Geschöpf ist, wird er mit unter die übrigen Geschöpfe gestellt sein. Wie also ist er verschieden von Allen und über Allen, wenn er nicht von Natur darüber hinaus ist, Allen beigezählt zu werden? Oder werden wir, wenn wir die Natur des [S. 239] Sohnes durch örtliche Hoheit auszeichnen, nicht eitel schwätzen?

B. Wie meinst du?

A. Willst du, daß wir das „von oben“ als gleichsam „von einem Orte“ sagen, der im Gegensatz gedacht wird zu unten und durch Abstände meßbar ist?

B. Wozu werden wir da den Sohn machen, wenn er an einem solchen Orte ist? Denn Das ist den Körpern eigen.

A. Also sagen wir ganz richtig, das „von oben“ sei zu verstehen als „aus dem Vater“. Darum wird er auch vom Vater allein erkannt und erkennt allein seinen Vater und Gott. Denn unsichtbar und keinem der Wesen bekannt ist es, was denn in Wahrheit an sich selbst die allerhöchste Natur ist. Denn daß sie existirt und Gott ist, glauben wir; was sie aber ihrer Natur nach sei, zu untersuchen, ist thöricht, da es auch nicht erreichbar ist. Denn über allen Verstand hinaus ist die Natur Gottes. Wie nun, wenn er geschaffen ist und geworden, sollte er und er allein den Vater erkennen, allein aber wieder vom Vater allein erkannt werden? Und doch ist die Erkenntniß der Natur Gottes gewiß unerreichbar für jedes Geschöpf; zu wissen aber, was eines der Geschöpfe sei, übersteigt nicht allen Verstand, wenn es auch etwa für den unsrigen zu hoch ist. Wenn also er allein den Vater erkennt und vom Vater allein erkannt wird, so ist er der Anklage und der Meinung, daß er ein Geschöpf sei, entronnen. Denn nur die höchste und unaussprechliche Natur erkennt sich selbst, und für die Geschöpfe ist Das etwas ganz Unzugängliches.

B. Unzugänglich freilich und unerreichbar, da Gott allen Verstand übersteigt.

A. Wie aber überhaupt auch könnte der Sohn von uns geschaffen genannt werden, da der höchst weise Paulus [S. 240] also ruft: 3 „Ich sage aber, so lange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich nicht vom Knechte, obwohl er Herr ist von Allem, sondern er ist unter Aufsehern und Verwaltern bis zu der vom Vater bestimmten Zeit; so waren auch wir, als wir unmündig waren, dienend unter den Anfangsgründen der Welt. Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geworden aus einem Weibe, unterworfen dem Gesetze, um die unter dem Gesetze Stehenden zu erlösen, damit wir als Söhne angenommen würden.“ Also da wir noch schwach waren in Unwissenheit und verhaftet den Verschuldungen der alten Unmündigkeit, waren wir den Anfangsgründen der Welt unterworfen, weil wir der Schöpfung dienten, während man doch den Kult dem wahren und allein wesenhaften Gotte widmen soll. Als uns aber der Sohn aufleuchtete, da erst, da wurden wir erhöht und erhoben über den unmündigen Sinn und zum Lichte der Wahrheit durchdringend, erlöst, wie ich glaube, und auch du wirst beistimmen, ich weiß es, von der Knechtschaft unter den weltlichen Anfangsgründen. Dieß nämlich hat uns soeben das heilige Wort gezeigt, von welchem doch wohl Diejenigen, denen die Wahrheit am Herzen liegt, sagen werden, daß es weise und wahr sei; denn es redet in Christo Geheimnisse.

B. Sie werden es sagen.

A. Ist nun nicht Alles, o Hermias, wovon wir sagen, daß es durch den Wink des Schöpfers in’s Dasein gerufen sei, den Anfangsgründen der Welt beizuzählen oder auch als Theil der Welt zum All gehörig?

B. Gewiß.

A. Befreit aber wurden wir, als wir zur Vollkommenheit des Verstandes und Sinnes gelangten und es ver- [S. 241] schmähten, den Anfangsgründen der Welt unterworfen sein zu wollen?

B. Ja freilich.

A. Indem wir den Glauben an den Sohn als an den wahren Sohn annahmen, oder wie?

B. So.

1: Joh. 3, 31.
2: Jak. 1, 17.
3: Gal. 4, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger