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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)
Fünftes Gespräch. Daß die Eigenschaften und die Herrlichkeit der Gottheit von Natur aus im Sohne sind wie auch im Vater.

19.

A. Der heilige Paulus schreibt uns von Christo: 1 „Jetzt aber sehen wir ihm noch nicht Alles unterworfene Also wenn er sich in jener Zeit dem Vater unterwerfen wird, wann ihm Alles unterworfen ist, so wird es, wie es scheint, eine der Sache angemessene Zeit sein. Ununterworfen aber ist indessen für jetzt der Sohn, da die Zeit noch nicht da ist, in welcher auch er sich unterwerfen wird.

B. Ich bin einverstanden, denn die Rede ist deutlich.

A. Wenn nun aber Jemand zu sagen für gut hielte, jetzt sei er Gott dem Vater nicht unterworfen, es werde ihm aber Dieses seiner Zeit begegnen, und die Ungleichheit seiner Wesenheit behaupten würde, wegen der Unterwerfung, so sagt er offenbar, wie es scheint. Dieses, daß der Sohn wahrscheinlich einmal sich selbst der Natur nach unähnlich sein und eine Veränderung in etwas Anderes annehmen werden als was er jetzt ist und zu sein geglaubt wird. Denn wenn, ihr Verehrtesten, möchte ich zu den Gegnern sagen, die Unterwerfung zu den Merkmalen der Wesenheit gehört, so wird gewiß die Bedeutung einer Wesenheit auch das Gegentheil haben, nämlich die Nichtunterwerfung. Und wenn wir sagen, er sei jetzt ununterworfen, und Dieß sei seine Natur, so wird er gewiß, wenn er sich dem Vater [S. 353] unterwirft, in eine andere und völlig verschiedene, ja entgegengesetzte Natur übergehen. Also veränderlich ist uns der Sohn geworden und ist nicht mehr unwandelbar; lügen aber wird auch der göttliche David, wenn er ihm den ausgezeichneten Vorzug beimißt, nämlich die Beständigkeit und Unwandelbarkeit. Denn „die Himmel“, sagt er, 2 „werden vergehen, du aber bleibst, und Alle werden altern wie ein Gewand, und wie eine Decke wirst du sie falten, und sie werden verändert werden; du aber bist Derselbe, und deine Jahre werden nicht abnehmen.“ Aber auch Paulus ist von der Wahrheit abgewichen, wenn er schreibt: 3 „Jesus Christus, gestern und heute Derselbe und in Ewigkeit.“ Denn wo bleibt er noch Derselbe, wenn er sich im Wesen verändert?

B. Es ist wahr.

A. Sie sollen uns also antworten, die trefflichen Sophisten, welches und wie beschaffen die Art der Veränderung sein wird. Wenn zum Schlechteren, weil er sich unterwerfen muß, so wird dem Heiland und Erlöser Aller zur Ehre Nichts helfen die Zeit seines künftigen Reiches, nämlich die am Ende, wann er sich auch dem Vater unterwerfen wird, und jetzt ist er gewiß besser daran, wo es von ihm heißt, er habe sich selbst entäussert und erniedrigt. Wenn sie aber Dieses als thöricht bei Seite lassen und sagen werden, in etwas Besseres werde die Veränderung sein, warum belieben sie dann, über die Unterwerfung zu schwätzen, und schreiben ihr es zu, daß der Sohn geringer ist, obwohl sie ihn, der jetzt in der Gleichheit des Vaters ist, in einen noch höheren und besseren Rang versetzt? Denn „er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,“ wie geschrieben steht, 4 „aber er entäußerte sich selbst, Knechtsgestalt annehmend.“ Scheine ich dir Dieses nicht ganz richtig zu sagen?

[S. 354] B. Sehr fein.

A. Da also ihre Rede durchaus an Unannehmlichkeit und Unziemlichkeit krankt, wohlan, so laß uns Das annehmen, was tadellos ist, indem wir nicht von der Wesenheit des Eingebornen die Geringerheit aussagen wegen der sogenannten Unterwerfung, von der auch der heilige Paulus sagt, daß sie in den letzten Zeiten stattfinden werde, sondern vielmehr Dieses fromm erwägen.

B. Was?

A. Es wird ja wohl, glaube ich, Niemand sagen, der Sohn entferne sich und gehe fort in einen eigenen Willen ausser dem des Vaters, und er neige sich gleichsam zur Überschreitung Dessen, was demselben gefällt, sondern man wird vielmehr mit Recht glauben, er sei gleichen Sinnes und Willens, zumal da er auch aus ihm und in ihm der Natur nach ist und gedacht wird. Denn damit man sehe, daß er den Vater ehre und Den, aus dem er geboren ist, mit den höchsten und erhabensten Lobpreisungen bekränze, sagt er bald: 5 „Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, Brandt und Sünd-Opfer hast du nicht begehrt, einen Leib aber hast du mir bereitet; da sprach ich: Sieh’, ich komme! Am Kopfe des Buches steht von mir geschrieben, zu thun, o Gott, deinen Willen;“ bald aber wieder: 6 „Ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu thun, sondern den Willen Dessen, der mich gesandt hat.“ Sieh’ denn, sieh’, und ganz klar sagt er, er sei vom Himmel herabgekommen und verhalte sich so in Bezug auf die freiwillige Vollbringung Dessen, was dem Vater gefällt, daß, wenn es überhaupt möglich wäre, daß er einen anderen Willen hätte, er des seinen nicht achten, sondern vielmehr den des Vaters sich aneignen würde. Da er also eine solche Absicht und Gesinnung hat, wird es Jemandem gut schei- [S. 355] nen, die Unterwerfung als unrühmlich abzuweisen und die völlige Übereinstimmung des Willens mit ihm [dem Vater] zu verwerfen?

B. Gewiß nicht.

A. Der also auch jetzt gleichgesinnt und gleichgewillt ist mit dem Erzeuger oder vielmehr [selbst] der Rathschluß und Wille des Vaters, auf welche Weise wird er sich unterwerfen und zwar seiner Zeit, als würde er noch nicht als gleichgewillt oder unterthan gedacht? Ich will mich nämlich auch des Ausspruches des Paulus bedienen, der den Eingebornen in Bezug auf die Wesenheit durchaus nicht kränkt.

B. Von welcher Art also wird die künftige Unterwerfung sein?

1: Hebr. 2, 8.
2: Ps. 101, 26—28.
3: Hebr. 13, 8.
4: Philipp. 2, 6.
5: Ps. 39, 7—9.
6: Joh. 6, 38.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger