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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)
Fünftes Gespräch. Daß die Eigenschaften und die Herrlichkeit der Gottheit von Natur aus im Sohne sind wie auch im Vater.

3.

A. Er war nämlich und ist das Wort sowohl im Fleische als auch vor dem Fleische; was er aber sichtbar angenommen hat durch das Fleisch, war im Anfange nicht.

B. Was heißt Das? Denn tief ist die Rede und nicht leicht zu fassen.

A. War denn, mein Lieber, das Wort nicht Gott und das Wort bei Gott? 1 Und war es nicht „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt;“ 2 nicht der Eingeborne und im Schooße des Vaters? 3 Kommt es nicht von oben und ist über Allen? 4 Und sagt er nicht selbst von sich: 5 „Ich bin nicht von dieser Welt“?

B. Ja; du sagst uns ja, was auch die heilige Schrift (sagt).

A. Meinst du nun, die Erniedrigung habe dem Worte einen Schaden gebracht an Dem, was im Anfange ihm na- [S. 299] türlich und eigenthümlich war, als hätte es eine Umwandlung und Veränderung zum Schlechteren erfahren?

B. Das werde ich nie meinen. Denn wir wissen und glauben, daß der Sohn über dem Wandel erhaben ist, da der heilige Paulus uns schreibt: 6 „Jesus Christus gestern und heute Derselbe und in Ewigkeit.“

A. Richtig, mein Freund, und sehr klar. Denn wenn er durch die Veränderung Etwas in sich aufnehmen würde, was seine Herrlichkeit und Natur selbst verletzte und schädigte, wie würde er von uns noch als Derselbe gedacht? Man muß also annehmen, daß der Eingeborne festgegründet sei in Dem, worin er immer ist, auch wenn er Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. 7

B. Das muß man.

A. Laß uns nun auch übergehen zu Dem, was des Fleisches ist oder wegen des Fleisches! Greifbar wurde der Ungreifbare; darum sprach auch Thomas, indem er mit Hand und Fingern die Male der Nägel betastete: 8 „Mein Herr und mein Gott!“ Sichtbar erschien der Unsichtbare, und einen hellen Gesang hierüber anhebend sprach der göttliche David: 9 „Der Herr, der Gott der Götter, redete und rief die Erde. Von Aufgang der Sonne bis Untergang, von Sion aus geht der Glanz seiner Herrlichkeit. Gott wird sichtbar kommen, unser Gott, und wird nicht schweigen.“ Wann denn oder wo und auf welche Weise ist Gott sichtbar zu uns gekommen, der auch die ganze Erde berief, ausser als der Eingeborne Mensch wurde und der von keinem der Geschöpfe Gesehene sichtbar erschien durch das Fleisch und müde wurde von der Reise, als er die Stadt der Samariter durchwanderte und sogar auch leiblicher Nahrung bedurfte, obwohl er den Hungrigen Stärkung [S. 300] verleiht, gemäß dem Ausspruche des Propheten? 10 Er, in dem „wir leben, uns bewegen und sind“, 11 ist mit uns geworden auch im Tode des Fleisches. Würdest du nun, o Freund, Dieß dem Eingebornen auch vor dem Fleische zuschreiben und nicht die gesunde und fromme Ansicht von ihm verletzen?

B. Wir laufen Gefahr.

A. Wegräumen also wollen wir die Anklage der Frevelhaftigkeit und die Vorwürfe der Gottlosigkeit, indem wir Das, was Gottes würdiger und über unsere Natur erhaben ist, dem noch nicht uns gleich gewordenen Sohne zuschreiben, Das aber, was ein niedrigeres und menschliches Ansehen hat, heilsordnungsgemäß herumwenden 12 und gefangen nehmen, wie die Schrift sagt, 13 jeglichen Verstand in seinen Gehorsam. Denn nicht werden wir in Unverstand und Thorheit, weil Christus sagt: 14 „Und Niemand ist in den Himmel hinauf gestiegen, ausser der vom Himmel herabstieg, der Menschensohn,“ auch das Fleisch selbst vom Himmel herabholen, da doch der Prophet klar uns die heilige Jungfrau zeigt und deutlich ruft: 15 „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen;“ noch auch werden wir annehmen, in körperlichem Schooße habe Gott das Wort aus Gott die Erzeugung seiner uranfänglichen Existenz gehabt, da Paulus es Abglanz der Herrlichkeit und Ebenbild des Wesens des Vaters nennt, 16 die unkörperliche und unaussprechliche Erzeugung mit unausdrückbaren Gedanken uns andeutend.

B. Allerdings.

[S. 301] A. Gleicher Maßen also wie die (heiligen) Schriften muß man auch das jedem von beiden Zukommende denken. Denn so werden wir den geraden Weg der Wahrheit gehen, indem wir weder das Erhabene der Rede zum Unrühmlichen herabziehen wegen des Fleisches und seiner Eigenschaften, noch Das, was des Fleisches ist und wegen desselben, ganz über das Menschliche hinaufheben wegen der Heilsordnung, sondern indem wir vielmehr dem Eingebornen die Unveränderlichkeit wahren, werden wir ihn als Denselben erkennen sowohl vor seiner Verbindung mit dem Fleische, als da er Fleisch wurde, wenn auch manches höchst Geringe und Niedrige von ihm gesagt wird wegen des Menschlichen.

B. Aber wenn du Alles, sagt Einer, nach deinem Gutdünken auf die Menschwerdung beziehen willst, wodurch werden wir noch die Natur des Wortes erkennen, was sie sei?

1: Joh. 1, 1.
2: Joh. 1, 9.
3: Joh. 1, 18.
4: Joh. 3, 31.
5: Joh. 8, 23.
6: Hebr. 13, 8.
7: Joh. 1, 14.
8: Joh. 20, 28.
9: Ps. 49, 3.
10: Ps. 145, 7.
11: Apostelg. 17, 28.
12: Das heißt aus die Heilsordnung (=Menschwerdung) beziehen und ihr gemäß anlegen.
13: II. Kor. 10, 5.
14: Joh. 3, 13.
15: Is. 7, 14.
16: Hebr. 1, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger