Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII) Fünftes Gespräch. Daß die Eigenschaften und die Herrlichkeit der Gottheit von Natur aus im Sohne sind wie auch im Vater.
7. A. Als den Sohn in uns wohnen habend und das göttliche Ebenbild in uns beherbergend und besitzend. Denn wir sind durch ihn nach Gott gestaltet. Das Alles übertreffende und höchste Bild aber, das heißt der Sohn, wird in unsere Herzen gezeichnet durch den Geist. Und darum schreibt Paulus an die Galater, die aus Leichtsinn zum Schlechteren abgefallen waren: 1 „Meine Kinder, mit denen ich neuerdings in Wehen liege, bis Christus in euch gestaltet ist.“ B. Ganz gut. [S. 311] A. Albern aber auch sonst und ganz unüberlegt ist es, daß man den Sohn ein Bild nicht der Wesenheit, sondern des Willens und der Beschlüsse des Vaters nenne. Denn Philippus sprach ja: „Zeige uns den Vater,“ und nicht: den Willen des Vaters. Der Sohn aber, sich selbst als Bild des Vaters darstellend, sagt: „Wer mich gesehen hat,“ der hat nicht den Willen des Vaters, sondern vielmehr „den Vater“ selbst „gesehen“. Und doch mußte gewiß Der, welcher nicht zu lügen gewillt war, sondern vielmehr „keinen Trug in seinem Munde hatte“, was Jene meinten, aber nicht Dieses sagen, wenn es sich nämlich mit ihm nicht so verhielt. Aber der allein den Vater kennt und vom Vater allein erkannt ist, hat sich uns nicht als Bild des bloßen und unselbstständigen Willens, sondern vielmehr als Ebenbild des Wesens seines Erzeugers dargestellt, da er sprach: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ B. Aber wenn wir, so zu denken, durch die Wahrscheinlichkeit und durch die wirkliche Wahrheit selbst uns haben bereden lassen, so gehen wir zwar den rechten Weg; wisse jedoch, daß sie auch Dieses sagen werden: Das Ebenbild von Einem, o Verehrteste, wird doch gewiß nicht für sich selber bestehen, aber auch keine eigene Selbstständigkeit haben, sondern vielmehr in einem Subjekte gedacht werden und als Accidens, wenn es auch vielleicht ungetrennt inhärirt, wie gewiß die Formen den Körpern. Unselbstständig ist also der Sohn, wenn er, nach euch, wie ein Bild im Vater ist. A. Unnütz, wie es scheint, und zu den schändlichen Sachen gehörig ist es bei den so Verkehrten, Etwas ganz richtig und ohne Irrthum denken zu wollen, am Verstande krank sein aber steht gleichsam in Ehren; und mit der einfältigsten Verkehrtheit kommt Nichts in Vergleich, zur Schande aber gereicht, was für richtig gehalten wird. Ist es nicht besser, zu denken, daß die Natur des Sohnes, welches sie sei, zu erkennen für unseren Verstand ganz unerreich- [S. 312] bar, sie auszusprechen aber die Sprache nicht im Stande ist? Denn „die Herrlichkeit des Herrn macht die Rede verstummen,“ wie geschrieben steht. 2 Aus vielen Betrachtungen aber sammeln wir nicht ohne Schweiß und mühsam eine Erkenntniß wie im Spiegel; indem wir aber durch sehr seine und gleichsam zugefeilte Gedankenbilder das wie im Räthsel Sehen in den Geist aufnehmen, gewinnen wir die Festigkeit im Glauben. Da aber unter den Kreaturen und den dem Entstehen und Vergehen unterworfenen Dingen keines genau und einzig zur Ähnlichkeit mit der höchsten Natur und Herrlichkeit gebildet ist, so begreifen wir ihre Eigenschaften kaum, indem wir von jedem der Seienden auf nützliche Art Das hernehmen, was zum Beweise dient; mit der Spanne aber gleichsam den Himmel messend verschmähen wir es mir unserem sehr kurzen Verstande nicht, zu Dem, was über allen Verstand ist, aufzublinzeln, und sagen, der Sohn sei Licht und Leben und Weisheit und Kraft und ausserdem Anderes dergleichen. Denn so ist er von der heiligen Schrift genannt. Aber indem wir nicht in jeden dieser Namen seine unaussprechliche Natur einschließen, sagen wir, er bestehe aus Verschiedenem und verbinde Dieses in sich zu einer einzigen Vollkommenheit. Denn einfach ist er und einförmig; aber aus dem Vielerlei, was ihm wesenhaft von Natur aus zukommt, kommen wir gleichsam selbst zu den Feinheiten der ihn betreffenden Betrachtung und einer ebenmäßigen Umschau. Wenn er nun Ebenbild des Wesens des Vaters genannt wird, so denke ihn als ungetrennt und innig mit ihm verbunden existirend und gleichsam als Form (Bild) des Erzeugers selber; wann aber auch Abglanz, so stelle dir gleichsam den Ausgang aus dem Vater ungefähr wie den eines hervorgehenden und ausstrahlenden Lichtes vor, weder ganz getrennt von der Hypostase, von der er ist, noch ganz darin versteckt, sondern hervorknospend gleichsam zur Selbstständigkeit für sich und [S. 313] zur eigenen Existenz. Denn es bleibt der Sohn in der Natur des Vaters, die er gleichsam zur Wurzel hat, und läßt durchaus keine Trennung zu; aber doch besteht er für sich und ist in Wahrheit Sohn, kein unselbstständiges Bild noch ein bestandloses Anhängsel oder Accidens wie die Form im Körper. Denn da er Leben ist von Natur, wie sollte er gedacht werden als unselbstständig? Hast du ihn nicht sagen gehört: 3 „Ich bin der Seiende; das ist mein Name und mein Gedächtniß auf ewig von Geschlecht zu Geschlecht.“ B. Du hast Recht. Zur gelegenen Zeit aber hast du uns gesagt, daß der Sohn sowohl sei [existire] als Leben sei, als Ebenbild gewiß und genaues Gleichniß des sowohl seienden als lebenden Vaters. Aber warum denn, sagen sie, wenn Dem so ist, empfängt er das Leben vom Vater? Er hat ja selbst gesagt: 4 „Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so gab er auch dem Sohne das Leben in sich selbst zu haben;“ und auch anderswo ohne Rückhalt: 5 „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich durch den Vater lebe, so wird auch Der, der mich ißt, durch mich leben.“ Zu uns aber sagt Paulus: 6 „Gott, der reich ist an Erbarmen, hat wegen seiner großen Liebe, womit er uns geliebt hat, auch da wir todt waren in Sünden, uns mit Christus lebendig gemacht, durch dessen Gnade ihr gerettet seid, und hat uns miterweckt und mitsitzen lassen im Himmel in Christo Jesu.“ Und überhaupt durch die ganze heilige Schrift hindurch so zu sagen erscheint er als durch den Vater lebendig gemacht und des Lebens theilhaftig. Auf welche Weise wir nun den Gegnern das Wahre entgegenstellen werden, möchte ich gerne von dir erfahren. A. In der That, ich schien dir ganz richtig und nicht zweckwidrig zu sagen, der Sohn müsse gedacht werden als [S. 314] Ebenbild nicht des Willens, sondern der Wesenheit und Hypostase des Vaters, und nicht abweichend von der heiligen Schrift. B. Ganz gut; denn ich werde keineswegs in Abrede stellen, was richtig sowohl ist als gesagt ist. A. Unter dem Seienden wird Alles, was nicht bloß nach Gestalt und Form von Etwas gebildet ist, sondern vielmehr eine wesenhafte Ähnlichkeit erlangt hat, gewiß von gleicher Natur sein und ohne Mangel der vollständigen Gleichheit theilhaftig. B. Wie meinst du? Denn die Rede ist mir nicht ganz klar.
1: Galat. 4, 19. 2: Sprüchw. 25, 2. 3: Exod. 4, 14. 4: Joh. 5, 26. 5: Joh. 6, 58. 6: Ephes. 2,4—6.
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