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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)
Fünftes Gespräch. Daß die Eigenschaften und die Herrlichkeit der Gottheit von Natur aus im Sohne sind wie auch im Vater.

9.

A. Das aber, dem es nicht von Natur aus und kaum zukommt, überhaupt Das zu sein, was es ist, wie sollte Das je Dem gleichstehen, das ihm auch die Theilnahme gewährt und einen Antheil verleiht an Demjenigen, wo von man glaubt, daß es ihm selbst eigenthümlich inwohne? Ich höre nämlich den Sohn sagen: 1 „Denn wie der Vater die Todten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ Und ganz mit Recht. Denn erwecken wird auf gleiche und keineswegs verschie- [S. 317] dene Weise die Natur sowohl des Vaters als des Sohnes. Denn Leben ist der Vater, Leben aber auch der Sohn, nicht minder als der Vater.

B. Aber ich glaube, sie werden sagen: He du! du lügst; schon geht dir der Verstand gleichsam in’s Nichts dahin und ist von den richtigen Gedanken abgeirrt; den Vorrang aber und die Auszeichnung des Vaters, Leben zu sein, hat er verfälscht und verkleinert. Denn wie oder woher wird er gleich stehen dem Sohne, wenn er auch Leben genannt wird?

A. Nachdem wir kurz hiegegen uns werden aufgehalten haben, werden wir unsererseits glauben, uns ruhig verhalten zu sollen. Sie aber sollen ihre Lehren begründen und versuchen, zu beweisen, daß der Vater mehr das Leben gebe als der Sohn, weniger aber als er der Sohn, obwohl er Leben ist von Natur. Allein sie werden nicht im Stande sein, Dieß zu thun, ich weiß es, aber sie werden nach Belieben wahrsagen gegen den Sohn und leicht aufstellen, was sie wollen, indem sie auch ihren eigenen Gesetzen die über Alles herrschende Natur unterwerfen. Sie glauben den Vater zu ehren, wenn sie den der Natur nach aus ihm entsprungenen Sohn durch Herabsetzung kränken, obwohl er deutlich sagt: 2 „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an Den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht Den, der mich gesandt hat.“ Denn wie sollten wir den Vater, als Leben von Natur, im Sohne erblicken, wenn nicht auch der Sohn gedacht wird als Leben von Natur? Warum aber auch soll man ihm nicht glauben, wenn er sagt: 3 „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“? Da er aber artikulirt und in einziger Weise sagt, er sei das Leben, wird er nicht Gott den Vater vom Leben ausschließen, wenn wir nicht zugeben, beide seien einer [S. 318] Natur, und die Sache [die Lebenspendung] komme gleichmäßig durch Beide zu uns, und nicht durch zwei, sondern aus sich allein mache Gott Alles lebendig?

B. So ist es.

A. „Leben wir, bewegen wir uns und sind wir nicht in ihm?“ 4

B. Allerdings, wenn wir anders zugeben, der höchst ehrwürdige Paulus sei wahrhaft.

A. Wahrhaft ist er, wie wäre er es nicht? Es lebt und redet ja in ihm Christus, welcher die Wahrheit ist. Sieh’ also, mein Lieber, in Gott dem Vater leben, bewegen wir uns und sind wir. Der Spender aber des Seins und Lebens wird kein Anderer sein als der von ihm ausgehende Sohn, welcher, als durch die Eigenschaften des Vaters ausgezeichnet und als Leben gebender Sprosse des Lebens von Natur, als eigenes Gut das Leben Denen mittheilt, die dessen bedürfen, und die ganze Schöpfung im Sein erhält. Und darum sagt er, zu den Juden redend: 5 „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, nicht Moses gab euch das Brod vom Himmel, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brod vom Himmel. Denn das Brod Gottes ist jenes, welches vom Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt.“ Dann seine eigene Natur uns bezeichnend sagt er: 6 „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brod des Lebens.“ Wenn also gleich und nicht verschieden in uns wirksam ist der Sohn, sofern er Leben ist, und nicht minder als der Vater, wie sollte man ihn nicht in gleiche Ehren der Wesenheit setzen, wenn man gewillt ist, richtig von ihm denken und glauben zu sollen?

B. Aber wir wollen Dem folgen, sagt Einer, was [S. 319] der Sohn selbst gesagt hat. Er hat ja deutlich gesagt: 7 „Wie der Vater das Leben in sich selber hat, so gab er auch dem Sohne, das Leben in sich selber zu haben.“

A. Füge das Fehlende bei oder wisse, daß du die Wahrheit verletzest.

B. Was denn?

A. Das, was Dem, was du sagst, nothwendig und nützlich beigefügt ist, nämlich: 8 „Und er gab ihm Macht, auch Gericht zu halten, weil er Menschensohn ist.“

B. Du scheinst, glaub’ ich, Das zeigen zu wollen, daß der Sohn das Leben vom Vater empfange, nicht sofern er als Gott gedacht wird und es ist, sondern sofern er Mensch geworden ist, der es nicht von Natur hat, Leben zu sein, sondern vielmehr durch Gott am Leben Theil hat.

A. Und warum doch schreibst du Das nicht vielmehr dir selbst, sondern unwillkürlich mir zu? Hast du denn nicht sagen gehört, daß der Vater dem Sohne es gab, das Leben in sich selbst zu haben, und die Macht, zu richten, weil er Menschensohn ist?

B. Ich hab’ es gehört. Das „gegeben haben“ aber soll jetzt nur vom Gerichte gelten, sagt Einer. Denn da das Gesetz das Richten als ausschließlichen Ehrenvorzug Gott beilegt (es sagt ja: Das Gericht kommt Gott zu), so empfängt er den Ehrenvorzug Gottes als Mensch.

1: Joh. 3, 21.
2: Joh. 12, 44.
3: Joh. 14, 6.
4: Apostelg. 17, 28.
5: Joh. 6, 32.
6: Joh. 6, 47.
7: Joh. 5, 16.
8: Joh. 5, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger