Chrysostomus († 407) Homilien über den zweiten Brief an die KorintherErste Homilie.
I. [S. 9] 1 Kap. I. 1. 2. 3. 4. Paulus, Apostel Jesu Christi durch Gottes Willen, und Timotheus, der Bruder, an die Kirche Gottes in Korinth und an die Heiligen alle in ganz Achaja. Gnade euch und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus! Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Drangsal: auf daß auch wir trösten können Die, welche in jeglicher Bedrängniß sind, durch die Ermunterung, mit welcher wir selbst aufgerichtet werden von Gott. Zuerst ziemt sich die Frage nach den Gründen, aus welchen der Apostel einen zweiten Brief an die Korinther zu dem ersten fügt, und was ihn bewegt, den Ausgang zu nehmen von den Erbarmungen Gottes und dem Troste. [S. 10] Was ist also die Veranlassung des zweiten Schreibens? Im ersten Briefe hatte Paulus angekündigt: „Ich werde zu euch kommen und kennen lernen nicht das Wort der Aufgeblasenen, sondern die Kraft.“2 Und am Ende des Schreibens hatte er das Versprechen wiederholt mit den milderen Worten: „Ich werde zu euch kommen, wenn ich Macedonien durchwandert habe; denn über Macedonien will ich gehen; bei euch aber werde ich vielleicht verweilen oder sogar den Winter zubringen.“3 Inzwischen war nun eine lange Zeit vergangen, ohne daß der Apostel gekommen war; ja trotz des Umflusses der bestimmten Zeit ließ er noch immer auf sich warten; denn der göttliche Geist hielt ihn bei andern Arbeiten zurück, die noch weit dringender waren. Daher die Nothwendigkeit eines zweiten Schreibens, dessen es bei nur geringer Verspätung nicht bedurft hätte. Doch ist das nicht der einzige Grund. Der erste Brief hatte bessernd auf die Korinther gewirkt. Sie hatten nämlich jenen Unzüchtigen, der vorher in Gunst und Ehre bei ihnen stand, aus Verkehr und Gemeinschaft gänzlich ausgeschlossen. Das sagen uns die Worte: „Wenn Jemand betrübt hat, so hat er nicht mich (allein) betrübt, sondern einigermaßen, damit ich (ihn) nicht beschwere, euch alle. Genug ist für den Mann diese Strafe, die von der Mehrheit ist auferlegt.“4 Und im Verlauf des Schreibens kommt er nochmals auf diesen Gegenstand zurück. „Denn siehe,“ sagt er, „gerade Dieses, daß ihr gottgemäß betrübt wurdet, welche Regsamkeit hat es in euch bewirkt, welche Entschuldigung, welchen Unwillen, ja Furcht und Sehnsucht, ja Eifer und Strafnahme! In Allem habt ihr euch ausgewiesen, daß ihr rein seid in dieser Sache.“5 Auch waren sie an die anbefohlene Sammlung milder Gaben mit großem Eifer gegangen. Das heben rühmend die Worte hervor: „Ich kenne euere Bereitwilligkeit, wegen [S. 11] deren ich mich eurer rühme bei den Macedoniern, daß nemlich Achaja mit den Gaben schon in Bereitschaft ist seit dem vorigen Jahre.“6 Endlich hatte Titus, vom Apostel gesendet, in Korinth die herzlichste Aufnahme gefunden. Das anerkennt der Apostel, wenn er sagt: „Sein Innerstes ist euch jetzt noch mehr zugethan, da er sich vergegenwärtigt die Willfährigkeit von euch allen, wie mit Furcht und Zittern ihr ihn habt aufgenommen.“7 Das sind die Gründe des zweiten Schreibens. Denn hatte er sie vorher ob ihrer Verirrung getadelt, so war es angemessen, ihnen jetzt nach der Besserung auch die Verzeihung und Anerkennung auszusprechen. Darum ist auch die Sprache des Briefes im Ganzen milde, streng wird sie nur an einigen Stellen gegen das Ende. Denn es gab auch in Korinth eine Anzahl Judenchristen voll hochmüthigen Sinnes. Diese suchten Paulus als einen Mann darzustellen, der sich viel herausnehme, aber den man nicht zu beachten brauche. „Seine Briefe,“ sprachen sie, „sind gewichtig, aber seine leibliche Anwesenheit ist schwach und das mündliche Wort verächtlich.“8 Damit wollten sie sagen: Sein eigenes Auftreten macht keinen Eindruck; „seine leibliche Gegenwart ist schwach.“ Aber aus weiter Ferne macht er viel Aufhebens mit seinen Briefen; „die Briefe sind gewichtig.“ Und um ihrem Treiben den Schein heiligen Eifers zu geben, so bemühten sie sich sorgfältig, ihren Eigennutz zu verbergen. Das erkennen wir aus den Worten des Apostels: „damit sie in Dem, worin sie sich rühmen, so erfunden werden wie auch wir.“9 Da sie zudem die Überlegenheit der Rede besaßen, so fand ihr Stolz keine Grenze. Darum nennt sich ihnen gegenüber Paulus unbewandert in der Rede, und statt sich dieses Mangels zu schämen, hält er jene Fertigkeit eher für einen Nachtheil [S. 12] als für einen werthvollen Besitz. Da nun aber zu befürchten war, daß Manche sich irre leiten ließen, so lobt er in diesem Schreiben zuerst die Korinther ob ihrer Wendung zum Bessern, dann folgt eine gründliche Zurechtweisung der Judaisten wegen ihres starren, ehrsüchtigen Festhaltens an Anschauungen und Gebräuchen, deren Zeit vorüber war, und endlich findet auch jene anmaßende Sprache die verdiente Rüge. Das ist, dünkt mir, der kurze und wesentliche Inhalt des Briefes. Gehen wir nun an die Erklärung des Einganges und an die Beantwortung der Frage, warum der Apostel nach dem üblichen Gruße sogleich hinweist auf die Erbarmungen Gottes! Doch vorerst müssen wir die ersten Worte selbst besprechen und untersuchen, wie er dazu kommt, den Namen des Timotheus neben den seinigen zu stellen. Denn „Paulus,“ sagt er, „Apostel Jesu Christi, und Timotheus, der Bruder.“ Im ersten Briefe hatte Paulus versprochen, ihn nach Korinth zu senden, und die Mahnung beigefügt: „Wenn Timotheus kommt, so schauet, daß er ohne Furcht bei euch weile!“10 Wie kommt er nun dazu, ihn hier neben sich zu stellen? Timotheus war dem Versprechen des Lehrers gemäß nach Korinth gekommen; denn „ich habe zu euch“, heißt es, „den Timotheus gesendet; der wird euch in’s Gedächtniß rufen meine Wege, die da sind in Christus.“11 Er hatte in Korinth Alles wohl geordnet und war dann zurückgekommen. Denn schon bei der Absendung hatte Paulus bestimmt: „Geleitet ihn im Frieden, damit er zu mir komme; denn ich erwarte ihn sammt den Brüdern.“12
1: Nach Einigen wären die Homilien über den II. Korintherbrief in Konstantinopel gehalten worden; Montfaucon läßt sie aus guten Gründen gleich denen über den I. Korintherbrief in Antiochien gehalten sein. 2: I. Kor. 4, 19. 3: I. Kor. 16, 5. 4: II. Kor. 2, 5. 5: II. Kor. 7, 11. 6: II. Kor. 9, 2. 7: II. Kor. 7, 15. 8: II. Kor. 10, 10. 9: II. Kor. 11, 12. 10: I. Kor. 16, 10. 11: I. Kor. 4, 17. 12: I. Kor. 16, 11.
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