Origenes († 253/54) - Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft (De principiis) Drittes Buch. Fünfter Abschnitt (VI. Cap.). Vom Ende der Welt.
3. Ich glaube, wenn Gott alles in Allem ist, so ist er auch im Einzelnen Alles. Alles im Einzelnen wird er insofern seyn, daß Alles, was der von jedem Flecken der Sündhaftigkeit gereinigte Geist fühlt und denkt, Gott ist, daß dieser Nichts Anderes mehr, außer Gott, sieht und umfaßt, und Gott das Maas aller seiner Bewegungen ist; in dieser Weise wird Gott alles seyn. Es wird keinen Unterschied von Gut und Böse geben, weil nirgendsmehr ein Böses seyn wird: für den, der kein Böses mehr an sich hat, ist Alles Gott; auch wird der nicht mehr vom Baum des Erkenntnisses des Guten und Bösen zu essen begehren, der immer im Guten steht und dem Alles Gott ist. 1 Diese Vollkommenheit und Seligkeit aber behalten der Vorraussetzung gemäß die vernünftigen Wesen nur solange, als sie sich nicht mehr mit der Materie vermischen. 2 Es [S. 241] unterliegt aber keinem Zweifel, daß nach gewissen Zwischenzeiten die Materie wieder in’s Daseyn komme, und Körper entstehen, und die Mannigfaltigkeit der Welt wiederhergestellt werde: weil die vernünftigen Wesen durch abweichende Willensrichtung, auch nach dem Zustand vollkommener Seligkeit, bis ans Ende aller Dinge wieder in die Gemeinheit versunken seyn, und wieder soviel Böses angenommen haben werden, daß das Gegentheil aus ihnen wird; weil sie ihr ursprüngliches Wesen nicht behalten, und keine ungestörte Seligkeit besitzen wollen. Auch darf nicht vergessen werden, daß viele vernünftige Wesen bis zur zweiten, dritten und vierten Welt ihrem Ursprung treu bleiben, und keiner Veränderung in sich Raum geben: andere so wenig von ihrem anfänglichen Zustande aufgeben werden, daß sie fast Nichts verloren zu haben scheinen: wieder andere dagegen durch einen ungeheuren Fall in den tiefsten Abgrund stürzen. Nun weiß aber Gott, der höchste Weltordner, bei der Schöpfung der Welten Jeden nach seinem sittlichen Werthe und nach Umständen und Veranlassungen, auf denen die Weltregierung beruht, und von denen sie ausgeht, zu benützen: so, daß Einer, der an Schlechtigkeit Alle übertroffen und sich völlig zur Erdscholle erniedrigt hat, in einer andern, noch zu erschaffenden Welt ein Teufel wird, der Anfang einer (neuen) Schöpfung Gottes, 3 um von den Engeln verspottet zu werden, die ihre ursprüngliche Tugend bereits [S. 242] verloren haben; und umgekehrt aus Einem, der jetzt ein gefallener Engel ist, in einer andern Welt wieder ein Engel oder ein Mensch geschaffen werden kann. 4 Doch davon haben wir, soviel wir oben Gelegenheit fanden, ausführlicher gesprochen.
1: Hier macht nun Rufin wieder eine Einlenkung um den Satz „aus de Ende geht wieder der Anfang hervor“, zu bemänteln; die weder mit dem Vorhergehenden noch mit dem nachfolgenden zusammenhängt, und überhaupt gar nicht in diese Entwicklung, wo nur von der Fortdauer der Körperwelt die Rede ist, gehört: Sic ergo finis ad principium reparatus et rerum exitus collatus initiis restituet illum statum, quem tunc habuit natura rationabilis cum de ligno sciendi bonum et malum comedere non egebat, ut, amoto omni malitiae sensu et ad sincerum purumque deterso, solus qui est unus bonus deus hic ei fiat omnia: cum nusquam mors, nusquam aculeus mortis, nusquam omnio malum, tunc vere deus erit in omnibus omnia. 2: „putant quidam“; setzt Rufin hinzu, „aluoquin existimant gloriam summae beatitudinis impediri, si materialis substantiae interseratur admixtio.“ Ich halte übrigens mit Rue dafür, daß das Fragment bei Hieron.: neque dubium est, quin post quaedam intervalla —— qui exordii amisere virtutem“ hieher gehöre und also Orig. selbst rede; aus zwei Gründen: 1) weil Hieron. gleich darauf von der disputatio longissima spricht, qua omnem creaturam in spiritualia corpora et tenuia dicit esse mutandam, also den gleichfolgenden §§. — 2) weil Rufin den obigen §. schließt: De qua re plenius a nobis, quae in superioribus occurrere potuerunt, pertractata atque digesta sunt; dieß konnte Or. von dem Inhalt des Fragments wohl sagen; nicht sowohl von der Störung der Seligkeit durch die Materie, von der er noch nicht gesprochen hat. 3: principium plasmationis Dei. Plasmatio ist ein bei Hieron. beliebter und wahrscheinlich von ihm gemachter Ausdruck, aus πλασμα welches vielleicht im Grundtexte stand. Was hier das principium (απαρχη oder πρωτογεννημα? vergl. in Joh. Tom. I, 3.) bedeute, ist nicht ganz klar. Ich verstehe es so, eine Veranlassung zu einer abermaligen, neuen Schöpfung. 4: Diesen Satz habe ich zur Ergänzung der Schlußfolgerung des Or. aus der weitern Bemerkung des Hier. gezogen: „,Quibus dictis quid aliud conatur ostendere nisi hujus mundi peccatores in alio mundo posse diabolum et daemones fieri, (nur soviel war in dem Vorangehenden gesagt; die Antithese ist): et rursum nunc daemones in alio mundo posse vel angelos vel homines procreari?“
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