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Origenes († 253/54) - Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft (De principiis)
Viertes Buch.
Zweiter Abschnitt. Von der Art, die heil. Schrift zu lesen und zu verstehen.

21.

1 Wem es nur um Wahrheit zu thun ist, der wird sich um Ausdrücke und Redensarten nicht bekümmern, weil bei jedem Volke ein anderer Gebrauch der Worte gilt: er wird mehr darauf sehen, was? nicht wie es betrachtet wird, zumal in so wichtigen und schweren Fragen, wie diese ist: ob es ein Wesen gebe, das weder Farbe noch Gestalt, weder Dichtigkeit noch Größe hat, das bloß gedenkbar ist; welches dann Jeder nach Belieben nennt. Die Griechen nennen es ασωματον, die heiligen Schriften αορατον. Denn Paulus (Col. 1, 15.) nennt Christum „das Bild des unsichtbaren Gottes“; dann sagt er auch, durch Christum sey Alles geschaffen, Sichtbares und Unsichtbares. Damit ist ausgesprochen, daß es auch unter den Geschöpfen einige ihrer Natur nach unsichtbare Wesen gebe; allein diese, obwohl nicht selbst körperlich und an sich erhaben über die Körperwelt, haben doch Körper. Nur das Wesen, 2 [S. 290] welches Urgrund und Anfang von Allem, aus welchem und durch welches und in welchem Alles ist, nur dieses ist nicht Körper, und hat keinen Körper, sondern ist rein unkörperlich.
Diese, zwar abschweifende, aber von dem Gange der Untersuchung aufgedrungene Bemerkung mag nun hinreichen, um zu zeigen, daß es Dinge gibt, die sich durchaus in keiner menschlichen Sprache vollständig ausdrücken, sondern nur durch den einfachen Gedanken klar machen lassen. An diesen Grundsatz muß sich besonders das Schriftverständniß halten, um den Inhalt der Worte nicht nach dem schlichten Ausdruck, sondern nach dem göttlichen Sinn des heiligen Geistes, der sie eingegeben hat, schätzen zu können.
[S. 291]

1: Dem Anschein nach könnte dieser Zusatz bloß eine Anmerkung des Uebersetzers (Rufins) seyn: allein er entspricht dem, was Orig. in d. Vorr. §. 8. 9. über die Unangemessenheit des Wortes ασωματος sagt, und es liegt in seiner Art, solche Nachträge zu machen. Vielleicht wollte er am Verlauf des 2. Abschnitts jene Frage besonders erörtern, und fand nirgends Veranlassung dazu.
2: trinitatis, setzt Rufin hinzu, was gar nicht hieher gehört.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger