Forschung & Lehre

The Bright Side of Darkness

Die Nacht galt lange als Symbol der Gefahr und des Unbekannten. Historiker Vitus Huber zeigt, wie sie in der Vormoderne auch Schutzraum, Inspirationsquelle und Begegnungsraum war.

Vitus Huber, wovor haben Sie sich als Kind in der Dunkelheit gefürchtet?

Ich erinnere mich an eine Szene in einem abgedunkelten Raum, in dem mein Cousin meinen Geschwistern und mir Gruselgeschichten zu erzählen begann. Wir sollten ihm Bescheid geben, sobald wir Angst hätten, dann würde er ein Streichholz anzünden. Irgendwann hat tatsächlich jemand von uns etwas gesagt. Als Kind löste die Dunkelheit ein gewisses Gefühl der Bedrohung aus, doch es waren keine spezifischen Monster, Drachen oder bösen Männer, vor denen ich mich gefürchtet habe.

Und heute?

Grundsätzlich fürchte ich mich nicht, aber in der Dunkelheit ist man immer eingeschränkt in seiner Sicht. Die Wahrnehmung verändert sich, und auch die Geschwindigkeit der Bewegungen nimmt ab. Es entsteht eine gewisse Vorsicht, die man automatisch walten lässt.

Sie erwähnen in Ihrer Forschung, dass die Nacht kulturell ambivalent war. Warum ambivalent?

Die Nacht hatte je nach kulturellem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Im westlichen, christlichen oder jüdischen Raum war sie häufig negativ konnotiert, das Helle stand für Gott und die Wahrheit, das Dunkle für das Diabolische und damit potenziell Gefährliche, während sie in polynesischen Kulturen etwas Sakrales hatte. Dort galt die Nacht als die Zeit, in der Geister dominierten, und war somit ein heiliger Zeitraum.

Die Ambivalenz zeigt sich auch in der Perspektive einzelner Akteur_innen. Für die Gesellschaft insgesamt konnte die Nacht mit Gefahr und Unsicherheit verbunden sein, beispielsweise durch die Möglichkeit von Einbrüchen. Für den Einbrecher, der einen Hühnerstall ausräumen wollte, brachte die Nacht jedoch Vorteile. Ebenso bot die Dunkelheit Schutz für unerlaubte Liebschaften, die bei Tageslicht nicht verborgen geblieben wären.

In unserem Sammelband «The Bright Side of Night. Nocturnal Activities in Medieval and Early Modern Times» legen wir den Fokus besonders auf die positiven Aspekte der Nacht, da die Forschung bisher vor allem die negativen Seiten betont hat.

Wie hat die Erfindung der Strassenbeleuchtung unsere Beziehung zur Nacht beeinflusst?

Ich beschäftige mich genau mit solchen Fragen aus der Frühen Neuzeit. Die Strassenbeleuchtung entstand in Europa im späten 17. und im 18. Jahrhundert und ermöglichte eine intensivere Nutzung der Städte während der Dunkelheit. Zur eigenen Sicherheit musste man sich jedoch bereits früh auf den Strassen kenntlich machen, etwa durch das Mitführen von Laternen. Die Einführung öffentlicher Strassenbeleuchtung diente schliesslich auch der besseren Kontrolle der Bevölkerung. Diese Entwicklung ist ambivalent: Aus Sicht des Staates bzw. der Obrigkeit war die gesteigerte Kontrolle ein positiver Effekt, während sie in Bezug auf die individuelle Freiheit auch als Einschränkung wahrgenommen werden konnte. Ein Vorteil war jedoch, dass die öffentliche Nutzung der Nacht gefördert wurde, etwa durch abendliche Theaterbesuche, Versammlungen, Umzüge oder Bankette.

Was war so toll an der Nacht?

Die Nacht ist nicht zwangsläufig ein Ort des potenziell Bösen, sondern ermöglicht auch viel Positives. Dunkelheit hat eine essenzielle Bedeutung, zum Beispiel in der Astronomie, wo sie notwendig für Beobachtungen ist. Aber auch in religiösen und spirituellen Kontexten spielt die Nacht eine besondere Rolle. Menschen, die ihrem Glauben oder spirituellen Idealen nachstreben, nutzen Techniken wie den Schlafentzug, um ihre Hingabe zu demonstrieren. Wenn jemand behauptet, den ganzen Tag wach gewesen zu sein, beeindruckt das kaum jemanden. Doch nächtlicher Schlafverzicht wird oft als aussergewöhnliche Leistung gedeutet. Fasten und Schlafentzug gelten als Werkzeuge, um die eigene Spiritualität zu intensivieren.

In der Gelehrtenkultur der Antike und darüber hinaus existierte das Phänomen der «Lucubratio» – die Praxis, in der Nacht konzentriert zu schreiben oder nachzudenken. Das Arbeiten in der Dunkelheit wurde in bestimmten Gelehrtenkreisen als etwas Positives angesehen. Die Idee dahinter war, dass die Nacht eine besonders ruhige und störungsfreie Zeit für intellektuelle Tätigkeiten bietet, da äussere Ablenkungen minimiert werden.

Nacht und Dunkelheit sind nicht dasselbe?

Es ist wichtig, zwischen «Nacht» und «Dunkelheit» zu unterscheiden. Während die Nacht einen bestimmten zeitlichen Rahmen beschreibt und je nach Breitengrad oder Jahreszeit dunkler oder heller ist, kann Dunkelheit unabhängig von der Tageszeit auftreten. Doch wann steht der Zeitraum «Nacht» im Mittelpunkt, und wann sind es die Eigenschaften der Dunkelheit selbst, die positive Wirkungen haben?

Gibt es ein historisches Beispiel, wo die Nacht eine wichtige Entdeckung oder Idee begünstigt hat?

Das berühmteste Beispiel ist vermutlich Galileo Galilei mit seinen Mondbeobachtungen, die zur kopernikanischen Wende beigetragen haben, also vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild.

Was begeistert Sie an Ihrer Forschung?

Ihr Potenzial. Mit unserem Sammelband wollten wir zeigen, dass die Nacht bereits vor der Erfindung der Strassenbeleuchtung in der Frühen Neuzeit aktiv genutzt wurde. Das Projekt ist interdisziplinär angelegt – mit Literaturwissenschaftler_innen, Kunsthistoriker_innen und einem Neurologen, der zum  Thema Schlaf forscht. Diese Vielfalt macht grosse Lust, noch tiefer in das Thema einzutauchen.

Generell finde ich es sehr begrüssens­wert, über Disziplinengrenzen hinauszugehen – aber auch transepochal zu arbeiten, um bestimmten Narrativen entgegenzuwirken.

© Getty Images

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel der Vorstellung, dass es in der Geschichte stets heller und damit besser geworden sei. Die Einführung der Stras­senbeleuchtung wurde keineswegs überall positiv aufgenommen. Vielmehr gab es massiven Widerstand aus der Bevölkerung – aus ganz unterschiedlichen Gründen. So waren beispielsweise die Anwohner_innen oft verpflichtet, die Strassenlaternen selbst zu bewirtschaften und für Kerzen oder später Öl aufzukommen. In Gerichtsdokumenten finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass Laternen mit Steinen oder Knüppeln demoliert wurden – als Protest gegen diese zusätzlichen finanziellen Belastungen. Auch der Lärm von Gaslampen spielte eine Rolle. Solche Debatten kennen wir heute etwa bei Windrädern. Zudem gab es ästhetische Einwände: Manche empfanden die Laternen als Verschandelung des Stadtbildes oder störten sich am Licht, das den Schlaf beeinträchtigte, oder am unangenehmen Geruch von Öl und Kerzen.

Es war also keineswegs so, dass technischer Fortschritt immer linear verlief. Vielmehr gab es auch Rückschläge. In manchen Städten scheiterte die Einführung der Strassenbeleuchtung am Widerstand und der Weigerung der Bevölkerung, mit den Behörden zu kooperieren. Solche Dynamiken werden erst sichtbar, wenn man die historischen Aspekte mitberücksichtigt.

Hatten Menschen in der Vormoderne Ihrer Meinung nach eine andere emotionale oder spirituelle Verbindung zur Dunkelheit als wir heute?

Viele sakrale Rituale spielen mit dem Licht. Damit das möglich ist, braucht es Dunkelheit. Beim Maya-Tempel gibt es ein Spiel mit der Sonne, bei den Kelten wurden Zeiten der Sonnenwende genutzt, um Kultstätten mit Lichtspielen zu bauen. Heute kann man das alles messen, aber damals hatte man weniger Mittel, um so was zu bauen. In der Vormoderne hatte man viel weniger Farben zur Verfügung, deswegen waren die farbigen Fenster der Kathedralen die Special Effects von damals.

War mehr Sicherheit für Frauen auf der Strasse durch mehr Beleuchtung schon immer auch ein Anliegen, z. B. auch im Mittelalter?

Nach meinen Kenntnissen wurde dieses Argument im 19. und 20. Jahrhundert hervorgebracht. In der vormodernen Gesellschaft sollten Frauen nachts nicht allein auf die Strasse gehen. Wenn überhaupt, betraf dies eher Männer.

Natürlich gab es Frauen aus der Oberschicht, die zu Bällen oder Banketten gefahren wurden und danach wieder nach Hause mussten. Wenn sie keine Kutsche nehmen konnten, wurden sie von einem Fackelträger begleitet – aber sie waren meistens in männlicher Begleitung. Über Frauen aus der Unterschicht, die nachts arbeiten mussten, weiss man hingegen weniger.

Eine Ausnahme bildeten Prostituierte, die oft nachts arbeiteten – allerdings meist in Innenräumen. Unerlaubte Liebschaften spielten sich typischerweise so ab, dass Männer Frauen besuchten. Grundsätzlich stellte die Dunkelheit für die unteren Gesellschaftsschichten jedoch ein grösseres Problem dar, weil ihnen die Mittel fehlten, um Kerzen zu kaufen oder sich einen sogenannten link boy – so wurden die Fackelträger auf Englisch genannt – zu mieten, der sie nach Hause begleitete. Sie waren daher eher ungeschützt im Dunkeln unterwegs. Auch zuhause standen ihnen weniger Ressourcen zur Verfügung, um abends bei Kerzenlicht oder am Feuer noch gemeinsam Karten zu spielen, zu lesen oder sich zu unterhalten. Es war also eine ökonomische Frage, eine Frage der verfügbaren Ressourcen.

Die wohlhabenden Schichten hatten hingegen ein starkes Interesse an der Einführung der Strassenbeleuchtung – unter anderem aus Gründen der Wiedererkennung und des sozialen Status: Wer ist das Gegenüber, wie muss es begrüsst werden? Zudem sollte das Risiko von Strassenräubern durch die Beleuchtung verringert werden.

Sie plädieren dafür, die Nacht neu zu denken. Was können wir von der vorindustriellen Nacht lernen?

Das soll nicht konservativ klingen, aber Dunkelheit und Ruhe haben einen eigenen Wert. Heutzutage wird das wieder vermehrt betont – etwa durch Meditation, Retreats und andere Praktiken. Ein Blick in die Geschichte der Nacht zeigt ihre Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit. Die Nacht ist keine einfache Dichotomie von Licht und Dunkelheit, nichts, das es zwingend zu überwinden gilt, sondern etwas, das Möglichkeiten eröffnet. Zudem kommt die historische Dimension in den Night Studies bisher noch zu kurz. Interdisziplinäre Ansätze in der Erforschung der Geschichte der Nacht helfen, von der Vorstellung eines überlegenen Westens wegzukommen, der die Dunkelheit vor allem als etwas Negatives betrachtet. Diese Perspektive ist tief in unserer Kultur verankert – dabei gibt es weltweit ganz unterschiedliche Sichtweisen auf die Nacht.

Eine letzte Frage: Was ist eigentlich mit der Dämmerung?

Das ist ein guter Punkt. Die dichotome Sicht auf Tag und Nacht ist schon deshalb unzutreffend, weil sowohl der Beginn als auch das Ende der Nacht längere Übergangsphasen der Dämmerung mit sich bringen. Diese Zwischenzeiten sind Schwellenräume, die in der Kunst und Literatur häufig verhandelt werden, aber auch für Religionen eine bedeutende Rolle spielen. Der Tagesanbruch kann etwa als Symbol für neue Hoffnung erscheinen – oder als etwas Bedauerliches, weil Liebende, die gemeinsam die Nacht verbracht haben, wieder voneinander scheiden müssen. Auch hier zeigt sich: Einfach nur Schwarz-Weiss gibt es nicht.

Unsere Experte Vitus Huber ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit am Departement für Geschichte. Er forscht zur so­ge­nan­nten Eroberung Amerikas, zur Geschichte des Körpers, der Nacht und zu auto­biographischem Schreiben.
vitus.huber@unifr.ch

Vitus Huber, Romedio Schmitz-Esser und Maria Weber (Hg.), «The Bright Side of Night. Nocturnal Activities in the Middle Ages and Early Modern Times», Florenz: Sismel Edizione del Galluzzo, 2024,
mirabileweb.it/edgalluzzo/miscellanee/m/1326