Dossier
Wie China die Zukunft sieht
Anders als noch vor dreissig Jahren entspringen heute zahlreiche Science-Fiction-Geschichten aus dem Reich der Mitte. Forschende an der Universität Freiburg deuten die schillernde Vielfalt – und legen so die in den Narrativen versteckten Absichten und Zukunftsziele offen.
Zum Beispiel: «Die wandernde Erde». Die bisher grösste chinesische Science-Fiction-Filmproduktion stammt aus dem Jahr 2019 und steht auf Netflix einem weltweiten Publikum zur Verfügung. Der Plot ist ziemlich hanebüchen – und rasch erzählt: Im Jahr 2061 realisiert die Menschheit, dass die Sonne in wenigen hundert Jahren zu verglühen droht. Um ihrem Untergang zu entkommen, wollen die Erdbewohner_innen ihren Heimatplaneten verfrachten. Am Ende der langen Reise soll ein vier Lichtjahre entfernter Stern die Sonne ersetzen. Mächtige Triebwerke sorgen für den benötigten Schub. Die Erde bricht tatsächlich aus ihrer Umlaufbahn aus. Doch dann läuft schon zu Beginn der Reise etwas schief, die Erde kommt zu nah an Jupiter heran. Es gilt, den riesigen Planeten in die Luft zu jagen.
China rettet den Planeten
Wenn sich der Wasserstoff in Jupiters Atmosphäre entzündet, erfolgt eine Explosion, die die Erde wieder auf den richtigen Kurs bringen soll. Tatsächlich gelingt das, wenn auch nur äusserst knapp. Die Hauptfigur, der heldenhafte Astronaut Liu Peiqiang, muss für das Wohl der Menschheit sein Leben opfern. Kurz zuvor ist auch sein engster Kollege gestorben, der etwas tollpatschige, dem Wodka verfallene, aber im Kern trotzdem herzensgute russische Kosmonaut Maxim Makarov. Sowieso spannen im Film die Menschen aller Nationen zusammen, um unter der Führung Chinas die Welt zu retten. «In der technisch-wissenschaftlichen Bilderwelt, die ‹Die wandernde Erde› entwirft, spiegeln sich die offiziellen Bestrebungen Chinas, eine Weltmacht zu werden, die wie die anderen Grossmächte die Raumfahrt beherrscht», sagt die Forscherin Christine Bichsel.
Die Humangeografin und ihr Team interessieren sich im Rahmen eines vom Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts für Science-Fiction-Werke aus China, die seit rund 15 Jahren zusehends internationale Anerkennung erfahren. Dabei beobachten Christine Bichsel, Lorenzo Andolfatto und Jueling Hu etwa, wie der Einparteienstaat versucht, literarische und filmische Zukunftsvorstellungen aus China für Propagandazwecke zu vereinnahmen. Das zeigt sich beispielsweise in den zahlreichen Museen und Freizeitparks, die in den letzten Jahren in China errichtet wurden, um der Bevölkerung das Abenteuer Weltall oder die Verheissungen von Künstlicher Intelligenz näherzubringen. Oft seien in der Nähe solcher Einrichtungen auch Start-Up-Unternehmen angesiedelt, die sich schon heute mit solchen Themen beschäftigen. «Science Fiction beeinflusst eben nicht nur, was sich in den Köpfen abspielt, sondern wirkt sich auch ganz konkret im Realen aus: Science Fiction ist Weltenbau», sagt Bichsel.
Überhöhung der eigenen Nation
Noch vor dreissig Jahren gab es praktisch keine chinesische Science-Fiction. Doch dann ist – parallel zum rasanten technologischen Wandel, den China durchlaufen hat – eine international vielbeachtete Szene entstanden. So hat das weltweit grösste Branchentreffen, die «World Science Fiction Convention», im Jahr 2023 erstmals in Chengdu stattgefunden. Zu Beginn hat der Staat diese Entwicklung nach Kräften gefördert, um die Bevölkerung für Wissenschaft und Technologie zu begeistern, also für Wachstumstreiber, die für China sehr wichtig sind. Dementsprechend seien in vielen frühen chinesischen Science-Fiction-Werken Elemente zu finden, die auf eine Überhöhung der eigenen Nation hinwiesen. «In dieser Hinsicht sind diese Werke mit dem Afro-Futurismus vergleichbar», meint Jueling Hu.
Sie führt den Nationalstolz in den chinesischen Science-Fiction-Erzählungen auf die Zeit zurück, in der die Schriftsteller erwachsen wurden. Cixin Liu, der Autor von «Die wandernde Erde» wie auch der Vorlage für die im Westen bekannte Serie «3 Body Problem», war anfangs der 1980er-Jahre Teenager. «Damals war die kulturelle Revolution in China vorbei, und eine Reformperiode mit ersten Schritten hin zu einer Marktöffnung begann», sagt Hu. Die jüngere Generation von Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren hingegen hätten ihre prägenden Jahre erst nach der Jahrtausendwende durchlebt. In ihren Werken sei deshalb eine Abkehr vom Nationalstolz auszumachen. «Stattdessen verfolgen sie einen persönlicheren und individuelleren Ansatz», sagt Hu.

Revolution auf dem Elektroschrotthaufen
Als Beispiel führt sie den Roman «Die Siliziuminsel» des Autors Chen Qiufan auf. Qiufan ist in der Provinz Guangdong im Südosten Chinas geboren und aufgewachsen. Bis noch vor einem Jahrzehnt wurde der Elektroschrott aus Europa und den USA nach Guangdong verschifft. In seinem Buch, das Kritiker als «Öko-Techno-Thriller» bezeichnen, schildert Qiufan die harschen Lebensbedingungen der Menschen, die auf den riesigen Schrotthaufen das Metall vom Plastik trennen. Und so mehr schlecht als recht ihr Leben fristen. Die Hauptfigur Mimi wird durch einen Unfall beim Verwerten von Altmetall aus kaputten Robotern zum allwissenden Cyborg. Und zettelt danach – in Zusammenarbeit mit Umweltaktivisten – eine Revolution gegen die wohlhabenden Besitzer der Recycling-Insel im südchinesischen Meer an. «Qiufans Werk spiegelt sowohl Chinas Umweltgeschichte als globale Abfallhalde als auch die technologischen Bedingungen des heutigen Lebens, das zunehmend von kybernetischen Systemen und digitalen Plattformen geprägt ist», sagt Hu.
«Heute ist das Leben in China hochdigitalisiert. Zum Beispiel ist es normal, sich das Essen per App zu bestellen und nach Hause liefern zu lassen», sagt Hu. «Dabei wirken sich die hektischen Arbeitsbedingungen der Kuriere auch auf ihr Selbstbild und ihre Würde aus.» Unter solch grundlegend veränderten Lebensumständen hat sich die Bedeutung von chinesischer Science-Fiction geändert. «Die allgegenwärtigen Apps erlauben der Regierung, die Bevölkerung recht feinmaschig zu überwachen», sagt Bichsel. Es gebe zwar einige Science-Fiction-Werke, die diesen Umstand thematisierten. Allerdings versuchen die Behörden, deren Verbreitung zu verhindern. «Offensichtlich ist das nicht ihr bevorzugtes Narrativ», meint Bichsel. Insgesamt jedoch hätte sich gezeigt, dass die chinesische Staatsgewalt bei der Kontrolle der Inhalte von chinesischer Science-Fiction an ihre Grenzen stosse, sagt Hu. «Sie ist darin weniger erfolgreich als wir ursprünglich dachten», fügt Bichsel hinzu.
Vielfalt in der sinophonen Kultur
In ihren Analysen interessieren sich die Forschenden auch dafür, wie sich die Übersetzungen und Verfilmungen jeweils von den Originalwerken unterscheiden. Die englische Übersetzung von «Die drei Sonnen», die der Serie «3 Body Problem» zu Grunde liegt, beginnt etwa mit einem anderen Kapitel – und zeigt dem westlichen Publikum gleich am Anfang, wie brutal die kulturelle Revolution für einen grossen Teil der Intelligenzia Chinas war. Ken Liu, der Übersetzer, habe den Text auch in anderen Belangen an andere Vorlieben im Westen angepasst, sagt Hu. So habe er etwa für mehr Geschlechtergleichheit unter den Figuren gesorgt. Deshalb erstaune es sie nicht, dass das Personal der kommerziell erfolgreichen Serie aus einem Handbuch für Diversity Management zu kommen scheint.
Für ihre Doktorarbeit hat Hu mehrere Monate in Singapur und Malaysia verbracht. Sie hat vor Ort untersucht, welche Ideen und Geschichten in den chinesischsprachigen Gemeinschaften verhandelt werden. Dazu hat Hu mit Veranstaltern von Filmfestivals und Personen aus dem Verlagswesen gesprochen. Und vor allem ein Aha-Erlebnis mitgenommen, das Hu so umschreibt: «Für mich war es befreiend zu erfahren, wie heterogen die chinesische Identität ist.» Der sinophone Kulturbereich des globalen China umfasse nicht nur die Volksrepublik, sondern alle Menschen, die Chinesisch sprechen. «Autorinnen und Autoren aus Malaysia oder Taiwan reagieren anders auf die Gegenwart als Schriftsteller, die in China leben», sagt Hu. Es sei deshalb nur logisch, dass sie in ihren Werken unterschiedliche Themen behandeln – und dabei auch sehr vielfältige Vorstellungen von der Zukunft entwerfen.
Unsere Expertin Christine Bichsel ist Professorin am Departement für Geowissenschaften der Universität Freiburg.
christine.bichsel@unifr.ch
Unsere Expertin Jueling Hu ist Doktorandin am Departement für Geowissenschaften der Universität Freiburg.
jueling.hu@unifr.ch