Porträt
Die Berühmtheit von nebenan
Er war Bundesrat, Präsident der UNO-Generalversammlung und hat die Uni Freiburg ebenso geprägt wie sie ihn. Heute ist der 79-jährige Joseph Deiss leidenschaftlicher Wanderer und Autor.
«Die Uni Freiburg ist meine intellektuelle Heimat», sagt Joseph Deiss, bevor im Gespräch überhaupt die erste Frage gestellt wird. «Sie hat mich ein Leben lang begleitet.» Einen Steinwurf von der Universität Miséricorde entfernt aufgewachsen, kommt er schon als Kind ständig mit ihr in Berührung. «In den Gängen hatte es Glaskästen mit ausgestopften Tieren. Die schaute ich mir am Sonntag oft mit meinen Eltern an.» Als Primarschüler geht Joseph Deiss für den Sportunterricht in die Uni-Turnhalle; als er am Konservatorium Klavier spielt, findet die jährliche Audition in der Aula statt – und sogar das Skifahren erlernt er auf dem Uni-Areal.
Seine akademische Karriere ist später also ein Heimspiel; Student, Assistent, Professor, Dekan – Deiss durchläuft an der Uni Freiburg sämtliche Stufen. Nach seiner Zeit im Bundesrat kehrt er noch einmal zurück, unterrichtet Wirtschaftspolitik und hilft als Präsident des Stiftungsrats des Adolphe-Merkle-Instituts, das Kompetenzzentrum für Nanotechnologie aufzubauen. «Entsprechend viel geht mir durch den Kopf, wenn ich am Morgen jeweils an der Uni vorbeigehe, um meine 1000 Schritte zu machen», sagt Deiss, der heute wieder in der Nähe der Uni Miséricorde wohnt.
UNO und «South Park»
Dass beim Standort Pérolles sogar ein Auditorium nach ihm benannt ist, erfüllt ihn mit Stolz. «Es zeigt, dass geschätzt wird, was ich gemacht habe. Gleichzeitig bin ich fast erschrocken, so etwas bereits zu Lebzeiten zu haben. Am Anfang musste ich mich jeden Tag kneifen, um zu schauen, ob ich noch lebe.» Als sich Deiss während der Covid-Zeit impfen lässt, fragt ihn eine Studentin, die im Impfzentrum aushilft, ob er den Mann kenne, nach dem der Saal benannt sei, in dem sie jede Woche Vorlesungen besuche. Es ist eine von vielen Anekdoten, die Joseph Deiss im Gespräch erzählt. Er entspricht damit so gar nicht dem Bild des farblosen Technokraten, das während seiner Zeit im Bundesrat insbesondere die Deutschschweizer Medien von ihm zeichnen. Unterhaltsam etwa auch die Geschichte, wie er davon erfährt, dass er als erster Schweizer in der amerikanischen Zeichentrickserie «South Park» vorkommt. «Ein Journalist rief mich an und wollte einen Kommentar von mir dazu. Allerdings hatte ich noch nie etwas von der Serie gehört. Wenn ich etwas nicht beantworten konnte, versuchte ich gegenüber Journalist_innen jeweils Zeit zu gewinnen, indem ich zum Beispiel sagte, ich sei gerade am Kochen», verrät Deiss. «Ich rief dann meinen Sohn an, um ein paar Informationen über die Serie einzuholen. Erst dann telefonierte ich dem Journalisten zurück.» Deiss kommt in «South Park» nur ganz kurz vor, als Vertreter der Schweizer Regierung. «Dennoch werde ich sehr oft darauf angesprochen. Das überrascht mich immer wieder. Eigentlich finde ich es dann doch wichtiger, dass ich für die Schweiz ein Jahr lang die UNO-Generalversammlung präsidiert habe», sagt er und lacht.
Joseph Deiss ist es auch, der als Aussenminister die Schweiz in die UNO führt. Bis heute spricht er sich für einen EU-Beitritt aus. Woher kommt diese durch und durch bejahende Haltung gegenüber internationaler Zusammenarbeit? «Auch da hat mich die Universität mitgeprägt. Auf unseren Bänken sassen Studierende aus allen möglichen Ländern. Entsprechend hatte ich nie Berührungsängste. Zudem bin ich ein überzeugter liberaler Ökonom.»

Bei Wind und Wetter
Was Joseph Deiss ebenfalls ist: ein leidenschaftlicher Autor. Er schreibt auch heute noch jeden Tag, wenn er einer Person besondere Aufmerksamkeit schenken will, gerne auch von Hand – dafür hat er eine ganze Sammlung Füllfederhalter.
Immer wieder gibt er zudem Bücher heraus, die Texte schreibt er selbst – auf Deutsch und Französisch. Nach einem letzten volkswirtschaftlichen Lehrbuch und einem Werk über seine politische Laufbahn sieht es vorübergehend nach einem Rückzug ins Private aus. Joseph Deiss veröffentlicht zwei Bücher darüber, wie er nach Canterbury beziehungsweise in alle Ecken der Schweiz wandert. Es ist nebst dem Schreiben seine zweite grosse Leidenschaft: Der 79-Jährige wandert bei Wind und Wetter, bei Hitze und Minustemperaturen. Meistens allein, nur so gibt es immer wieder auch unerwartete Begegnungen.
Das Feuer brennt noch
Als Russland die Ukraine angreift, ist es fürs Erste vorbei mit dem Rückzug ins Private. «Da wurde etwas Fundamentales zerstört. Das hat mich schwer beschäftigt.» Gleichzeitig fühlt sich Deiss machtlos, es ist deshalb auch eine Art Selbsttherapie als er «Brüche» schreibt, ein flammendes Plädoyer für eine «Eskalation des Friedens», wie er es nennt. Nun ist auch im Gespräch wieder sein Feuer für Politik zu spüren. Wenn er sich über Putin echauffiert, über Trumps Zollpolitik oder über Schweizer Politiker_innen, die das UNO-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) nicht mehr unterstützen wollen.
Deiss gibt aktuell viele Interviews zu diesem Buch und hält Vorträge darüber; das nächste Projekt ist dann aber doch wieder ein Wanderbuch. Auf Deutsch trägt es den Titel «Im Bann der inneren Schweiz: vom Moléson via Napf auf den Säntis». Beide angefragten Verlage sagen sofort zu, das Buch wird noch dieses Jahr erscheinen. Joseph Deiss hat immer noch viel zu erzählen – und man hört ihm gerne zu.
Joseph Deiss studierte und promovierte an der Universität Freiburg im Bereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Ab 1984 war er als ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik tätig; von 1996 bis 1998 als Dekan der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 1991 wurde Deiss in den Nationalrat gewählt, von 1999 bis 2006 war er Bundesrat. 2007 kehrte er noch einmal für mehrere Jahre als Professor an die Uni Freiburg zurück. Zwischen 2010 und 2011 war der Stadtfreiburger ein Jahr lang Präsident der UNO-Generalversammlung in New York. Joseph Deiss ist verheiratet und hat drei Kinder.